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Wieso ist Rousseau der Stammvater totalitärer Gesellschaften?

In Kurzform:

  1. 1762 veröffentlicht der Philosoph Rousseau ein Buch, in dem er erst mal positiv die Volkssouveränität über jede andere Macht stellt.
  2. Allerdings wird der Wille des Volkes nicht über Mehrheitsabstimmungen, die "volonté de tous" ermittelt, sondern existiert als "volonté générale" unabhängig davon.
  3. Damit kommt eine meist selbsternannte Elite ins Spiel, die diesen Gemeinwillen kennt und dann auch durchsetzt.
  4. Dabei gibt es keine Gewaltenteilung, stattdessen radikale Machtausübung bzw. -durchsetzung.
  5. Das kann bis zu Massenhinrichtungen oder sogar Massenmord gehen wie unter den Jakobinern um Robespierre herum, den Bolschewiki nach 1917 in Russland oder Mao mit seinen Roten Garden bzw. den Roten Khmer auf den Killing fields Kambodschas.
  6. Aber auch in den heutigen westlichen Demokratien gibt es Tendenzen, nur noch die eigene Meinung gelten zu lassen und andere Überzeugung auszugrenzen oder gar auszuschalten.

1762: Positiv: Rousseau entwickelt die Idee der Volkssouveränität

Im Jahre 1762 wird von dem französischen Philosophen das Buch „Du contrat social ou Principes du droit politique“, auf deutsch: „Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes“ veröffentlicht. In ihm geht es  um das Verhältnis zwischen Gesellschaft bzw. dem Staat und dem Einzelnen, dem Individuum. Positiv ist die Formulierung der „Volkssouveränität“ gegenüber dem damals herrschenden Absolutismus.

1762: Problematisch: Die prinzipielle Entrechnung des Individuums

Problematisch ist aber der radikale Ansatz, dass die Individuen, also die Einzelmenschen erst einmal alle ihre Rechte an die Gesellschaft abtreten müssen, von der sie sie dann wieder zurückbekommen – zumindest soweit, wie es als nützlich im Sinne des „Gemeinwohls“ erscheint. Dieses steht nämlich über allem – und wird nicht etwa durch Abstimmungen bestimmt, sondern existiert als „volonté générale“ – eine Art idealisierter Gesamtwille einer Nation.

1792: Die Folge: Willkürjustiz unter den Jakobinern um Robespierre herum

Hier nun wird es gefährlich: Wer bestimmt denn dieses Gemeinwohl, wenn nicht die Bürger als Träger der Souveränität. In der späteren Praxis der Französischen Revolution waren es dann die Jakobiner um Robespierre – und die machten dann bald, was sie wollten – es gab keinen Schutz mehr gegen ihr Denken und ihre Guillotine.

Fehlende Gewaltenteilung

Problematisch vor allem die Aushebelung der Gewaltenteilung, wie sie von Locke und Montesquieu entwickelt und gefordert worden war. Dort hätte es nämlich immer noch die Kontrolle durch eine zweite Instanz gegeben, vor allem Gerichte, auf deren Rechtsprechung man im besten Sinne des Wortes hoffen konnte. Bei Robespierre und den Jakobinern gab es letztlich das gnadenlose Lynchrecht einer Minderheit, die sich im Besitz quasigöttlicher Allweisheit und Allmacht fühlte.

Manichäisches Weltbild und Glaube an das Gute im Menschen bzw. bei sich selbst

Hinter Rousseau und seinen Nachfolgern steht der Glaube an das Gute im Memschen – nicht von ungefähr hat dieser Philosoph auch die Idee des „edlen Wilden“ entwickelt, also des von Zivilisation nicht beschädigten Naturmenschen. Interessant ist, dass die Gewaltherrschaft der Roten Khmer auf den „killing fields“ von Kambodscha sich gegen alles Intellektuelle richtete, jede Form von Zivilisation. Man wollte zu einer Art Urgesellschaft zurück, die vorwiegend bei der Landarbeit auf dem Acker stattfand.

Sobald man Widerstand oder zu geringes Engagement sah oder befürchtete, war man bereit, auf einen Liquidierungs-Modus umzuschalten, was massenhafte Mordaktionen u.ä. einschloss. Bei den Jakobinern waren es dann Revolutionsgerichte, die ihre Urteile zum Teil gelangweilt und unter Alkoholeinfluss verkündeteten. Bei Stalin war es die „Liquidierung“ der Kulaken, also der Bauern, die über ein bisschen Eigentum bzw. Wohlstand verfügten. Bei Mao war es die „Rote Garde“ in der sogenannten Kulturrevolution.

Rousseau und Robespierre: Vorstufen zu den Gewalt-Varianten des Kommunismus

Es ist klar, dass von Robespierre und den Jakobinern ein direkter Weg zu den Varianten des Kommunismus führt, die auf die Allmacht einer Partei setzen. Das begann mit Lenin, setzte sich bei Stalin fort und mündete schließlich bei Mao in China oder auch den Roten Khmer in Kambodscha. Immer war das verbunden mit exzessiver Gewalt und Rechtlosigkeit: Die Partei bestimmte, was richtig war – entsprechend ihrer Ideologie.

Problem heute: Mentale Lynchjustiz im Sinne der aktuell vorherrschenden Meinung in Shitstorms und Pressekampagnen

Heute gibt es ansatzweise solche Tendenzen auch bei uns: Es gibt wieder Gruppen, die selbst definieren, was richtig ist, wie Toleranz auszusehen hat. Diese wird völlig neu definiert als Duldung der eigenen Meinung und Ideale, während das Wort eigentlich von „tolerare“ = dulden, erdulden kommt. Wenn dann ein Nobelpreisträger einen schlechten Witz über Frauen macht, ist er schon entlassen, bevor er überhaupt in seiner Universität wieder aufgetaucht ist. Es gibt kein ordentliches Verfahren, sondern es bestimmen die, die sich im Besitz der Wahrheit fühlen und das auch über Shitstorms und andere Formen der Zusammenballung von Öffentlichkeit durchsetzen.

Und wenn in Deutschland Leute demonstrieren, deren Ansichten einem nicht gefallen, dann wird mit aller Macht gegendemonstriert mit dem Ziel, die Demo der anderen zu verhindern. Der Gedankengang ist einfach: Toleranz gibt es nicht für Faschismus – und was Faschismus ist, bestimmt man selbst (z.B. https://linksunten.indymedia.org/de/node/137260)

Damit es keine Missverständnisse gibt: Es geht hier nicht um das Akzeptieren irgendwelcher politischen Positionen, es geht um die Grundfrage der Demokratie, ob dort jeder unbehelligt seine Meinung ausdrücken kann, nur eingeschränkt durch ein formales Verfahren mit Anklage, Verteidigung und Urteil, oder ob jede beliebige Gruppe andere Menschen wegen ihrer Meinung attackieren und letztlich „ausschalten“ kann.

 

 

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