Schnell durchblicken? So einfach geht es!
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Schillers „Kabale und Liebe“ in der Sprache des 21. Jahrhunderts

 

Überlegungen zum Versuch der sprachlichen Modernisierung eines Klassikers

 

Worauf es im Theater ankommt:  

Ganz gleich, wie man das Theater sieht, ob man ihm wie im alten „Illusionstheater“ nach wie vor zutraut, bei den Zuschauern so etwas wie Ergriffenheit zu bewirken, was man einmal „Katharsis“ genannt hat, eine tiefe Erschütterung des Menschen mit der Veränderung zum Besseren hin, oder ob man wie in Brechts „epischem Theater“ in erster Linie darauf setzt, dass der Verstand begreift, was auf der Bühne passiert und woran es liegt und auf dieser Basis den Willen zur Veränderung der Gesellschaft entwickelt: Der auf der Bühne präsentierte Konflikt muss deutlich werden und für den Zuschauer nachfühlbar bzw. nachvollziehbar sein.

 

 

Theater heute: Nur Mut bei den Kulissen:  

Die Theaterpraxis der letzten Jahrzehnte hat vor allem in Deutschland stark darauf gesetzt, den Originaltext weitgehend unverändert zu lassen, ihn allenfalls zu kürzen, vielleicht auch mal etwas umzustellen, dafür aber die Umgebung so radikal zu verändern, dass die Zuschauer den Sprung vom alten Stück in ihre moderne Gegenwart schaffen und es so Wirkung entfalten kann.

Die Praxis ist aber häufig eine andere: Man ist allenfalls begeistert vom Einfallsreichtum des Regisseurs oder wendet sich schaudernd ab, weil man das Gefühl hat, da wird ein Klassiker missbraucht für Selbstdarstellung.

 

 

Worauf es in der Schule ankommt:  

In der Schule kommt noch das Problem hinzu, dass die „alten“ Stücke umso sperriger werden, je weniger man ihre Sprache noch versteht. Deshalb kann es ein lohnenswertes Unternehmen sein, mal probeweise den alten Text vorsichtig zu modernisieren – so dass seine Substanz sich unmittelbarer entfalten kann und nicht alles fortlaufend erst im Kopf „übersetzt“ werden kann.

Wenn dann im Laufe der Zeit immer mehr „alter Text“ auch noch heute verstanden und in seiner Schönheit erkannt wird, umso besser.

 

Was man machen könnte - weit weg von einer Parodie:  

Auf jeden Fall geht es den Schülern wie den Übersetzern: Sie vertiefen sich in den vorgefundenen Text und versuchen ihn dann in heutige Sprache zu übertragen – bei Beibehaltung dessen, was ursprünglich gemeint war. Also auf gar keinen Fall eine Parodie – der klassische Text bleibt etwas im Prinzip zunächst einmal „Unantastbares“ – aber dieses Veränderungverbot bezieht sich auf den Sinn und nicht auf den Wortlaut in seiner Zeitgebundenheit.

 

Ein erstes Beispiel: Schiller, Kabale und Liebe, I,3:  

Versuchen wir das einfach mal, indem wir uns der dritten Szene des I. Aktes von Schillers „Kabale und Liebe“ zuwenden. Um den Ansatz zu testen und weitergehende Versuche „auf die Schiene zu stellen“, mag es reichen, wenn nur der Anfang der Szene „übersetzt“ wird. Wer sich davon anregen lässt, mag dann selbstständig fortfahren.

 

Luise: Guten Morgen, Vater,

Miller: Ach, meine Luise, ich bin so froh, dass du so oft in die Kirche gehst und damit an deinen Schöpfer denkst, bleib immer so, und sein Arm wird dich halten.

Luise: Ach, Vater, ich bin nicht so gut wie du denkst. War er da, Mutter?

Frau: Wen meinst du?

Luise: Ach, ich habe vergessen, dass es überhaupt noch andere Menschen gibt. Mein Kopf denkt an nichts anderes mehr. Er war nicht da? Walter?

Miller: Ich hatte gehofft, du hättest diesen Namen in der Kirche gelassen.

Luise: Ach, Vater, ich verstehe dich, ich fühle, wie du mir ins Gewissen redest, aber es kommt zu spät. Ich kann nicht mehr einfach nur an Gott denken. Dafür bedeutet mir Ferdinand zu viel – und ich fürchte, ich fürchte ... doch nein, wenn wir Menschen uns ganz auf etwas konzentrieren, was schließlich von Gott geschaffen ist – muss er sich nicht darüber freuen? Selbst wenn ich ihn selbst darüber kurzzeitig vergesse? Muss ihn das nicht erfreuen, Vater?

Miller: Da haben wir’s. Das kommt von diesen gottlosen Büchern, die hier neuerdings im Haus sind.

... [Und so könnte man dann weitermachen]

 

Oder nehmen wir ein zweites Beispiel: Eine druckfertige Fassung kann man weiter unten downloaden.

 

 

Die folgende Modernisierung bezieht sich auf I,4, wo Ferdinand und Luise aufeinander treffen, und ist noch viel radikaler, weil sie die Probleme direkt in die heutige Zeit überträgt. 

 

Weiter unten kann man auch diesen Text als pdf-Datei herunterladen.

 

Viel Kabale - und nicht ganz so viel Liebe

 

Paul von Hackensborg, Milliardärssohn und die Verkäuferin Tanja, die er auf einer Fete kennengelernt hat und die er zu lieben glaubt

Er kommt mit seinem Porsche vorbeigefahren, lässt den Motor laufen und tritt an den Gartenzaun - sie sieht nicht gut aus –sie sehen sich eine Zeitlang stillschweigend an. Pause.)

 

Paul. Sag mal, was ist denn mit dir los? Probleme?

 

Tanja (rafft sich auf). Nein ist schon gut.

 

Paul (ihre Hand nehmend). Ich hoffe, du liebst mich noch - ich tu das jedenfalls - ich hoffe, du auch. Ich hab nämlich nicht viel Zeit, muss noch kurz auf die Bank und dann noch ins Kasino. Ich will nur eben sehen, ob es dir gut geht - und dann bin ich auch schon wieder weg und du kannst dich in Ruhe mit dem Rasen beschäftigen. Ich freue mich schon, einfach nur an dich zu denken, während ich die Leute über den Tisch ziehe. Oder ist was?

 

Tanja. Nein, nein, Paul, es geht mir gut.

 

Paul. Na, ich weiß nicht - so wie du guckst ... ich merke das sofort - ich habe da einen Blick für - wie beim Pokern - ich sehe sofort, wenn jemand kein gutes Blatt hat. Glaub mir, du kannst gar nicht irgendwas denken, ohne dass ich das merke. Also - was ist los - denk dran, ich hab nicht viel Zeit.?

 

Tanja (sieht ihn eine Weile stumm und bedeutend an, dann mit Wehmut). Ach Paul - ich finde es so schön, dass du an mich denkst - immerhin arbeite ich nur an der Kasse und nicht da, wo das große Geld rollt.

 

Paul. Was soll das denn? (Befremdet.) Mädchen! Also - jetzt hör mal gut zu. Du gehörst du mir - mehr ist nicht wichtig. Wenn man wirklich liebt, dann denkt man an nichts anderes mehr. Mir geht das jedenfalls so - und wenn du das anders machst, dann gefährdest du auch mein Glück. Schäm dich! Jeder Augenblick, wo du unnötig rumjammerst, den hast du eigentlich mir gestohlen. Und (mit einem Versuch von Ironie) - du weißt ja, was auf Diebstahl steht.

 

Tanja (fasst seine Hand, indem sie den Kopf schüttelt). Du willst mich nur ablenken - von all dem, was uns noch bevorsteht und was unsere Liebe bedroht. Wenn ich an die Zukunft denke - du der Erbe einer großen Firma, dein Vater mit seinen tausend Verbindungen - und ich - im Vergleich dazu ein Nichts. (Erschrickt und lässt plötzlich seine Hand fahren.) Paul! Ich sehe schon, wie man uns trennt.

 

Paul. Uns trennen? (Er springt auf.) Wie kommst du denn darauf? Trennen? – Wer kann zwei Leute wie uns trennen. Natürlich habe ich mehr Geld und meinetwegen auch Macht - aber das ist nicht so wichtig wie die Liebe zu dir. Die ist für mich auch wichtig - als Ausgleich für all die Geschäfte und den Stress. Und mein Vater, der macht mich manchmal damit voll fertig - Ständig muss ich ihm Erfolge präsentieren dabei habe ich eigentlich schon genug für die Firma rausgeholt..

 

Tanja. Siehst du - dein Vater, der macht mir auch Sorgen!

 

Paul. Ach, ich habe keine Angst vor ihm - ich habe nur Angst, dass du mich nicht mehr liebst. Ich werde dich schon beschützen - da brauchst du keinen anderen. Und wenn es so richtig Stress gibt - das ist wie beim Sport - der schönste Sieg ist der, bei man erst am Ende das Spiel gedreht hat. Wir machen uns einfach heute Abend wieder einen schönen Abend. Du hast ja den Schlüssel zur Villa am See. Die ist heute Abend leer - da können wir es uns schön machen. Und der Flieger morgen - der geht erst um 10 Uhr - da bleiben uns viele Stunden. Und du weißt schon .. spielen und siegen (lacht)

 

Tanja (drückt ihn von sich, in großer Bewegung). Sag nichts mehr! Das macht mich voll fertig - ich fange jetzt auch schon an, an so was zu denken. Und ich halt es einfach nicht aus - weil so viel auf dem Spiel steht. (Will fort.)

 

Paul (hält sie auf). Tanja? Was ist denn nun schon wieder los?

 

Tanja. Ich hatte mich damit abgefunden, dass du für mich nur ein schöner Traum bist. Aber jetzt denke ich, vielleicht könnte wirklich was draus werden - und das macht mich voll fertig. (Sie stürzt hinaus. Er folgt ihr sprachlos nach.)

 

 

Ein drittes Beispiel: Kabale und Liebe, III,1:  

 

Der Präsident und Sekretär Wurm kommen.

Präsident. Das war ja wohl nichts, diese Aktion vor dem Haus des Geigers.

Wurm. Tja, so ist das mit diesen modernen Idealisten, die sind eher bereit, alles aufzugeben und zu zerstören als Kompromisse einzugehen.

Präsident (sauer). Ist ja schön, aber was hilft uns diese kluge Einsicht weiter?

Wurm. Sie müssen die Strategie ändern. Kein Frontalangriff auf den Gegner, sondern seine Truppen spalten.

Präsident. Und wie sollte so was funktionieren?

Wurm. Wir bringen einfach einen anderen Liebhaber ins Spiel, lassen das Mädchen einen entsprechenden Brief schreiben und den Major ihn finden.

Präsident. Na toll, sie wird wohl kaum so was machen.

Wurm. Wir müssen sie an ihrer schwachen Stelle packen - und das ist neben dem Major ihr Vater. Den müssen wir in Schwierigkeiten bringen - und schon haben wir ein Druckmittel.

Präsident. Und wie soll das laufen?

Wurm. Nun, dieser Miller hat doch ziemlich rumgepöbelt - und das gegenüber dem ersten Mann im Staat nach dem Landesherren. Da müsste sich doch was machen lassen.

Präsident. Na ja, so schlimm war es denn nun doch nicht - für eine richtige Strafe reicht das nicht.

Wurm. Es reicht doch, wenn sie das glaubt.

Präsident. Gut! Gut! Ich verstehe. Aber mein Sohn? Wird der das Spiel nicht gleich durchschauen?

Wurm. Wir werden dafür sorgen, dass alles geheim bleibt - wir lassen sie einfach einen Eid schwören.

Präsident. Einen Eid? Was ist der wert, Dummkopf?

Wurm. Na ja, in unseren Kreisen nichts, gnädiger Herr! Diese Leute aber, die nehmen so was ernst. Und so erreichen wir unsere Ziele: Das Mädchen verliert die Liebe des Majors und den Ruf ihrer Tugend. Vater und Mutter halten sich zurück und sind am Ende noch froh, wenn ihre Tochter durch mich als Ehemann wieder zu Ansehen kommt.

Präsident (lacht unter Kopfschütteln). Unglaublich, du bist ja noch besser als dein Herr. – Bleibt nur die Frage, an wen dieser Brief gerichtet wird.

Wurm. Am besten einer, der ähnlich wie wir bei dieser Geschichte alles gewinnt oder alles verliert.

Präsident (nach einigem Nachdenken). Ich komme da nur auf den Hofmarschall.

Wurm (zuckt die Achseln). Mein Geschmack wär' der nun nicht unbedingt, wenn ich Luise Millerin hieße.

Präsident. Und warum nicht? Der riecht gut, bekommt für die dümmsten Sprüche jede Menge Geld - das sollte bei so einer jungen Frau nicht ziehen? O, guter Freund! Das wird schon laufen - ich lasse mal gleich den Marschall holen. (Klingelt.)

Wurm. Während Sie für die Verhaftung des Geigers und seiner Frau sorgen, kann ich ja schon mal den Brief entwerfen.

Präsident (zum Schreibpult gehend). Den will ich aber vorher lesen. (Wurm geht ab. Der Präsident setzt sich, um zu schreiben; ein Kammerdiener kommt; er steht auf und gibt ihm ein Papier.) Dieser Haftbefehl muss gleich umgesetzt werden – ein andrer von euch wird den Hofmarschall zu mir bitten.

Kammerdiener. Der ist eben hier vorgefahren.

Präsident. Umso besser.

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13-823-11-15

Modernisierung der ersten Begegnung zwischen Luise und Ferdinand in I,4
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Kurze und leicht verständliche Fassung der ersten Szene des III. Aktes
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