Schnell durchblicken? So einfach geht es!
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Worin liegt die besondere Leistungsfähigkeit der Parabel?

Die Parabel ist in der Literatur eine sehr interessante Gattung, weil sie versucht, auf dem Umweg über eine Geschichte eine Einsicht zu vermitteln. Im Folgenden gehen wir genauer auf die Details ein.

 

Bei der Parabel gibt es immer ein Problem, das nicht einfach geklärt werden kann, weil es einen Erkenntniswiderstand (hier "EW") gibt. Das lässt sich sehr gut am Beispiel von König David (siehe unten) erklären, der sich auch von einem Propheten nicht einfach per Ermahnung (EM) etwas sagen lässt.

 

Wenn der direkte Weg verschlossen ist, muss bzw. kann man einen Umweg gehen. Das macht man auch im Alltag, indem man dann sagt: "Okay, du siehst das nicht ein, dann stell dir doch mal beispielsweise vor ..." In der Literatur wird das dann zu einer richtigen Geschichte ausgebaut, die entsprechende Parallelen zum Problem in der Wirklichkeit hat.

 

Auf diese Weise wird eine Art Distanz-Einsicht hergestellt. König David ist natürlich der Meinung, dass ein Verbrechen ein Verbrechen ist, solange es nicht von ihm begangen worden ist. Also stimmt er zu.

 

Dann aber folgt das brutale "Du bist der Mann" des Propheten, d.h. die Erkenntnis wird jetzt auf die Wirklichkeit übertragen (im Bild durch den Pfeil-Ausflug zurück zum Problem verdeutlicht) - und da der König ja schon zugestimmt hat, kann er jetzt schlecht Nein sagen.

 

Schauen wir uns nun die Sache noch etwas genauer an und beziehen dabei auch andere Textgattungen mit ein.

  1. Texte mit einem Bedeutungs-Überschuss
    Fabel, Gleichnis und Parabel sind alles epische Textgattungen, die etwas anderes oder mehr meinen, als im Text selbst steht.
     
  2. Die Fabel erklärt mit Tiergeschichten
    Bei der Fabel handelt es sich um eine in der Regel kurze Erzählung, in der mit Hilfe von Tieren und deren festgelegten Eigenschaften an einem konkreten Fall menschliches (Fehl-)Verhalten aufgezeigt wird.
     
  3. Die Bibel arbeitet mit Gleichnissen, wobei der Begriff nicht immer präzise ist:
    Gleichnisse kennt man aus der Bibel: Im strengen Sinne handelt es sich dabei nur um Texte, bei denen ein eindeutiger und bekannter Sachverhalt auf etwas Höheres, Allgemeineres übertragen wird. Das kleine Senfkorn und sein ungeheures Wachstum hin zu einer großen Pflanze wird von Jesus zum Beispiel mit dem Himmelreich verglichen, das auch ganz klein, unscheinbar beginnt und schließlich zur allumfassenden Welt Gottes wird.
     
  4. Gleichnisse in Erzählform sind Parabeln:
    Komplizierter ist es mit den Parabeln: Bei ihnen handelt es sich um Gleichniserzählungen, d.h. in ihnen wird an einem konkreten und einmaligen Fall etwas Allgemeines gezeigt. Dabei geht es meistens um eine Lehre, eine Moral.
     
  5. Entscheidend ist der "gemeinsame Punkt" von Bild- und Sachteil
    Wichtig ist, dass nur diese zentrale Aussage als gemeinsamer Punkt den Bildteil (die erzählte Geschichte) und den Sachteil (der Teil der Wirklichkeit, auf den sich die Parabel bezieht), verbindet
     
  6. Warum nicht jede Kurzgeschichte eine Parabel ist:
    Damit sind wir auch beim Unterschied zu einer Kurzgeschichte. Eine Parabel ist immer eine Geschichte, die für einen anderen Zweck erzählt wird, etwas zeigen soll, eine Moral hat. Eine Kurzgeschichte dagegen sollte zunächst einmal "zwecklos" sein, nur für sich stehen, etwas darstellen, was genauso Realität sein könnte.
     
  7. Ein berühmtes Beispiel für die Überwindung von Erkenntnis-Barrikaden mit Hilfe des Parabel-Umwegs:
    Die einfachste Form der Parabel findet man in der Bibel und zwar in der Geschichte von König David, in der dessen Fehlverhalten vom Propheten Nathan durch eine erzählte Geschichte verdeutlicht wird. Der König selbst hat einem Untergebenen die Frau weggenommen und empört sich nun, als der Prophet ihm von einem reichen Mann erzählt, der einem armen das einzige Schaf wegnimmt. Als der König das Urteil fällt: "Der Mann ist ein Mann des Todes" spricht er damit zugleich sein Urteil und bekommt zu hören: "Du bist der Mann." Hier werden auf einem Umweg Einsichts-Blockaden umgangen.
    Der "gemeinsame Punkt" ist das Verbrechen mit seinem Maximum an Ungerechtigkeit und Egoismus.
     
  8. Eine "klassische" Parabel mit Gegenwartsbezug:
    In einer anderen berühmten Parabel geht es um einen Ring. Sie ist in Lessings Aufklärungsdrama "Nathan der Weise" zu finden. Dort befindet sich ein Jude in der heiklen Situation, einem muslimischen Sultan die Frage beantworten zu müssen, was die richtige Religion sei. Er erzählt daraufhin eine Geschichte, in der ein Vater einen Ring besitzt, der die Kraft hat, einen Menschen bei anderen beliebt zu machen. Der wird von Generation zu Generation weitergegeben. Nun sind da drei Söhne, alle ihm gleich lieb. Also lässt der kluge Vater zwei Ersatzringe anfertigen und gibt jedem Sohn heimlich einen von den dreien. Nach seinem Tod kommt es zum Streit, welches der echte ist. Ein vielleicht noch klügerer Richter hört sich den Streit an und erklärt dann einfach, sie möchten doch einfach schauen, welcher der Ringe denn die entsprechende Wirkung habe, damit lasse sich die Frage klären. Der gemeinsame Punkt ist hier, dass es nicht auf irgendeine theoretische Wahrheit ankommt, sondern auf die Realität, um die sich dann alle bemühen sollten.
     
  9. Die "einarmigen" Nur-Bild-Parabeln Kafkas
    Bei Kafka hat man eine Art "einarmige" Parabel. Es gibt nur noch die Bildseite - die Sachseite muss man sich selbst überlegen, nachdem man die Zielrichtung der Parabelgeschichte verstanden hat. In "Der Schlag ans Hoftor" erkennt man, dass der "Held" auf nicht nachvollziehbare Weise immer mehr in eine Schuld- und Strafsituation gerät. Am besten versteht man das so, dass Kafka damit auch eine Aussage über die Situation des Menschen ganz allgemein in der Welt machen will - das wäre dann die gedachte Sachseite.
     
  10. Die Problem-Bildteil-Parabel bei Brecht:
    Übrigens gibt es bei Bertolt Brecht ein Mittelding zwischen der Bildteil-Sachteil-Parabel und der Nur-Bild-Parabel. Dazu gehören besonders die Geschichten vom Herrn Keuner bzw. Herrn K. Die mit dem Titel "Der hilflose Knabe" beginnt auch typisch für Brecht gleich mit dem Erkenntnis-Ziel-Hinweis: "
    "Herr K. sprach über die Unart, erlittenes Unrecht stillschweigend in sich hineinzufressen, und erzählte folgende Geschichte:"
    Hier wird also das Problem allgemein benannt - und dann kommt in einer Parabel die Erkenntnis fördernde Beispiel-Erzählung.

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