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Klassenarbeit: Bürgermeister- und Pfarrerszene in "Der Besuch der alten Dame"

Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame

Bürgermeister- und Pfarrer-Szene

Aufgabenstellung der Klassenarbeit

  1. Analysiere die beiden Szenen mit dem Bürgermeister und mit dem Pfarrer (S. 67-76 der Diogenes Taschenbuchausgabe), indem du
    1. die Voraussetzungen klärst, d.h. die Ausgangssituation und die „Momente“, die das Folgende bestimmen (Faktor 3),
    2. den dramatischen Prozess in den beiden genannten Szenen beschreibst (hierbei sind gut eingebaute und ausgewertete Zitate wichtig) (Faktor 9).
  2. Erkläre, wieso Ill am Ende des II. Aktes auf S. 85 ausruft: „Ich bin verloren!“ (Faktor 1)
  3. In der Fernseh-Inszenierung, die wir uns gemeinsam ansehen, hat man an diesen Schluss noch etwas angefügt: Eine Stimme ruft zu Ill herüber: „Hallo! Zug verpasst? Soll ich Sie im Wagen mitnehmen?“ Ill antwortet: „Nein, ich bleibe!“ Erläutere, was dieser kreative Anhang für das Verständnis des dramatischen Geschehens bedeutet! (Faktor 2)

Hinweise zur Lösung

1.1 Klärung der Voraussetzungen der beiden Szenen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Aufgabe zu lösen. Folgende Elemente spielen bei der Lösung eine Rolle:

  • Verarmung der Stadt Güllen
  • Hoffnungen, die sich mit dem Besuch der Milliardärin verbinden
  • Das Angebot der Claire Zachanassian, das diese Hoffnungen mit einer moralischen Herausforderung verknüpft
  • Die zunächst einhellige und massive Ablehnung des Angebots mit dem Hinweis auf die abendländische Kulturt
  • Das Abbröckeln dieser Ablehnung, indem stillschweigend schon so gehandelt wird, als sei das Angebot doch angenommen worden, womit ein Zugzwang in Richtung Tötung Ills entsteht
  • Wichtig ist auf S. 60 ein erstmaliges Durchbrechen des immer noch schönen moralischen Scheins, als Ill den Ablauf durchschaut und darauf mit Aggression gegenüber seinen Kunden reagiert.
  • Ein weiteres Moment ist die erste Station, die Ill bei seinem Versuch, Hilfe zu bekommen, anläuft, der Polizist: An ihm kann bereits eine Reaktionsweise studiert werden, nämlich das Ausweichen und pseudojuristische Argumentieren bis ins Groteske hinein, während zugleich deutlich wird, dass auch der Polizist sich schon hat bestechen lassen.
  • Dazu kommt noch der Ausbruch des schwarzen Panthers, der schon einmal stellvertretend für Ill gejagt wird. Hingewiesen werden sollte darauf, dass Ill ja von Claire auch „schwarzer Panther“ genannt wurde (26)

1.2 Beschreibung des dramatischen Prozesses in den beiden Szenen

Die Szene mit dem Bürgermeister

  • Die Szene beginnt noch mit dem schönen Schein früherer Verhältnisse: Ill kann noch als vorgesehener Nachfolger des Bürgermeisters ein Gespräch „von Mann zu Mann“ (67) mit dem Amtsinhaber beginnen.
  • Etwas ins Rutschen kommen diese Verhältnisse, wenn Ill misstrauisch feststellt, dass bei den Maßnahmen gegenüber dem schwarzen Panther „ein etwas großer Aufwand“ (S. 67) getrieben wird.
  • Das Misstrauen Ills verstärkt sich, wenn er die vielfältigen Beweise sieht, dass auch der Bürgermeister anfällig für den geborgten Reichtum war und ist. Ills Sorgen und Bitten werden beiseite gewischt – zum Teil mit Hinweis auf den zuständigen Polizisten. Als Ill auf den Ausfall dieser Möglichkeit verweist, kann sich der Bürgermeister nur noch in billige Ausflüchte retten – Goethes Übernachtung und das Quartett von Brahms mögen „Werte“ (S. 69) sein, sie sind aber kein Gegengewicht zur aktuellen Entwicklung.
  • Im nächsten Schritt geht der Bürgermeister zum Gegenangriff über, indem er nun seinerseits zunächst bei Ill einen „nihilistischen Zug“ (S. 69) feststellt – als Ill dann direkt die Verhaftung der alten Dame verlangt, beginnt er deren Forderung recht offen zumindest teilweise zu rechtfertigen: „Das Vorgehen der Dame ist weiß Gott nicht ganz so unverständlich. Sie haben schließlich zwei Burschen zu Meineid angestiftet und ein Mädchen ins nackte Elend gestoßen.“ (S. 70)
  • Typisch grotesk ist dann, dass der Bürgermeister ankündigt, „ehrlich miteinander“ reden zu wollen, dies aber nur in der Weise tut, dass er Ills Forderungen offen ablehnt und auch seine bisherige öffentliche Stellung untergräbt: „... und auch als Bürgermeister kommen Sie nicht in Frage“. Ebenso grotesk ist es, wenn der Bürgermeister anschließend behauptet, man bringe Ill nach wie vor „die gleiche Hochachtung und Freundschaft“ (S. 71) entgegen.
  • Nachdem solchermaßen die Positionen geklärt sind, geht es um die Frage, wie man nun weiter vorgehen soll: Während Ill eine Wendung an die Öffentlichkeit als einzige Chance für sich sieht, will der Bürgermeister „über die üble Affäre den Mantel des Vergessens breiten.“ (S. 71) Damit produziert er ein Stück ungewollter Ironie, denn die aktuelle üble Affäre ist das Verhalten der Güllener.
  • Dem Bürgermeister bleibt am Ende nur die Flucht in Pathos und Empörung – obwohl Ill am meisten Anlass dazu hat, denn spätestens das Großprojekt des neuen Stadthauses zeigt, dass er Recht hat, wenn er feststellt: „Ihr habt mich schon zum Tode verurteilt.“ (S. 72)

Die Szene mit dem Pfarrer

  • Nach dem völligen Versagen der politischen und staatlichen Instanzen wendet sich Ill in seiner Verzweiflung an die moralische Instanz der Kirche: Schon dass der Pfarrer auch ein Gewehr hat, zeigt, dass er in den allgemeinen Prozess eingebunden ist.
  • Auf Ills Ängste reagiert er mit traktatartigen religiösen Wendungen, die hier nichts als seine Variante von Ausflüchten sind.
  • Der Gipfel des Grotesken, ja Zynischen wird in der Szene mit dem Pfarrer erreicht, wenn er auf Ills verzweifelten Hinweis „...ich krepiere vor Entsetzen“ feststellt: „Positiv, nur positiv, was Sie durchmachen.“ (S. 74)
  • Der anschließende Beruhigungsversuch („Sie schließen von sich selbst auf andere.“), klänge ehrlicher, wenn man nicht wüsste, dass die Realität ganz anders ist.
  • Allenfalls der Hinweis auf die einzig verbleibende Möglichkeit der Reue hat mehr Potenzial und passt zum späteren Gesinnungswechsel bei Ill, nimmt ihn gewissermaßen vorweg.
  • Zu einem dramatischen Umbruch kommt es, als Ill auch beim Pfarrer mit der zweiten Glocke den Beweis für dessen Verwicklung in den Reichtum auf Ills Kosten bekommt: Plötzlich bricht beim Pfarrer die Fassade zusammen, er „wirft sich gegen Ill und umklammert ihn“ (S. 75). Er kommt aber nicht über das Eingeständnis der Schwäche und den Vorschlag der Flucht hinaus – zu einem eigenen Engagement zugunsten des Bedrohten kann er sich nicht aufraffen, obwohl er eine moralische Instanz in der Stadt sein müsste – oder sie zumindest zu vertreten hätte.

Erklärung des Schluss-Satzes des II. Aktes

  • Im Verlauf des II. Aktes sind die Indizien immer deutlicher geworden, dass alle Bürger Güllens entgegen der ersten Stellungnahme sich auf das Angebot der Milliardärin mehr oder weniger offen einlassen bzw. in die Notwendigkeit hineinrutschen, die Voraussetzungen für den erworbenen Reichtum nachträglich zu schaffen, indem sie für den Tod Ills sorgen.
  • Zum Wegsehen und zu den Ausflüchten sind offene Anschuldigungen (beim Bürgermeister) und das Eingeständnis der moralischen Zwangslage (beim Pfarrer) getreten.
  • Der Panther ist bereits stellvertretend für Ill zu Tode gekommen.
  • Am Ende bleibt ihm nur noch die Umsetzung des Vorschlags des Pfarrers, nachdem  Ills Brief an den Regierungsstatthalter von der Post zurückgehalten wurde. Der Fluchtversuch scheitert auf eine etwas unklare Art und Weise: viel spricht dafür, dass die Bürger Ill nicht wirklich gehen lassen – andererseits scheinen die Hindernisse auch in Ills Innerem, seinem Denken, seinen Erwartungen, letztlich wohl seinem schlechten Gewissen zu liegen: „Einer wird mich zurückhalten.“ (S. 83) Dies betont er jedenfalls auf auffällige Weise.
  • Ills Schlusssatz ist auf mehrfache Art und Weise zu erklären: einmal ist da der reale Gruppendruck, den die Güllener auf ihn ausüben – sie schaffen zumindest eine Atmosphäre, die es Ill unmöglich macht, den Zug zu besteigen. Zu dieser Atmosphäre scheint aber auch die inzwischen aufgekommene Panik in ihm selbst beigetragen zu haben. Letztlich spielt auch der Hinweis, dass selbst ein so entfernter Ort wie Australien angesichts der Möglichkeiten dieser „alten Dame“ keine Zuflucht bieten kann, wie die beiden Eunuchen schon feststellen mussten (vgl. S. 83: „Viel Glück in Australien!“).

3. Erläuterung und Bewertung des kreativen Anhangs

  • Bleibt man bei der Buchfassung von Dürrenmatts Stück, dann bleibt am Ende der Eindruck eines vorwiegend äußeren Drucks, der Ill an der Flucht hindert.
  • Der kreative Anhang der Fernseh-Inszenierung macht deutlich, dass das nicht alles sein kann und ist. In gewisser Weise ist er eine Vorwegnahme der Feststellung Ills gegenüber dem Lehrer im III. Akt: „Ich kämpfe nicht mehr.“ (S. 102). Wichtig ist dabei die Begründung, die weit über die zunächst möglichen Erklärungen hinausgeht. Inzwischen ist Ill nämlich zu der Einsicht gelangt: „Ich bin schließlich schuld daran [...] Ich habe Klara zu dem gemacht, was sie ist ...“ (S. 102)
  • Damit liegt in dieser Erweiterung des Schlusses von Akt II der nicht immer gegebene Fall vor, dass eine Hinzufügung einem literarischen Werk nicht eher schadet, sondern die in ihm liegende Zielspannung erhöht. Wer Ills Verzicht auf die nun mögliche Flucht hört, macht sich schon Gedanken, die im III. Akt dann auch wirklich realisiert werden.

 

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